Krimis über Flucht und Untertauchen: 10 Bücher, in denen jemand verschwindet

Die Fantasie, einfach zu verschwinden und woanders neu anzufangen, ist eine der ältesten Fluchtgeschichten überhaupt. Im Krimi wird sie zum Motor: Jemand taucht unter, jemand anderes sucht. Ich habe zehn Bücher ausgewählt, in denen das Verschwinden im Zentrum steht, von Klassikern bis zu neueren Romanen, und beschreibe, was am jeweiligen Untertauchen fesselt, ohne die Auflösung zu verraten.

Für Eilige: Die drei Bücher, mit denen man anfangen sollte: Der talentierte Mr. Ripley (Patricia Highsmith), Gone Girl (Gillian Flynn) und Der Schakal (Frederick Forsyth). Die restlichen sieben sind Vertiefung.

1. Patricia Highsmith: Der talentierte Mr. Ripley (1955)

Der Klassiker über den Identitätswechsel. Tom Ripley reist nach Italien, um einen reichen Erben zurückzuholen, und wird stattdessen zu ihm. Highsmith erzählt so nah an Ripley, dass man ihm die Daumen drückt, obwohl man es nicht sollte. Die Frage, ob er mit der neuen Identität davonkommt, trägt vier weitere Bände.

2. Frederick Forsyth: Der Schakal (1971)

Ein Auftragsmörder ohne Namen bereitet ein Attentat auf de Gaulle vor. Der Roman ist ein Handbuch des Untertauchens: gefälschte Pässe, gestohlene Identitäten von Verstorbenen, Grenzübertritte. Forsyth hat die Methoden so genau beschrieben, dass sie nach Erscheinen des Buchs teilweise unterbunden wurden.

3. Gillian Flynn: Gone Girl (2012)

Amy verschwindet an ihrem Hochzeitstag, und ihr Mann Nick gerät unter Verdacht. Was als Vermisstenfall beginnt, wird zu einem Buch über Selbstinszenierung und darüber, wie man ein Verschwinden plant. Wer nur den Film kennt, sollte das Buch lesen, es ist bösartiger.

4. Friedrich Ani: Süden und das Geheimnis der Königin (2000)

Tabor Süden ist Vermisstenfahnder bei der Münchner Polizei, und Ani hat um ihn eine ganze Reihe gebaut. Die Fälle handeln von Menschen, die freiwillig gehen, und Süden fragt weniger „wo“ als „warum“. Melancholisch, langsam und einer der besten deutschen Krimiautoren zum Thema Verschwinden.

5. Tana French: Grabesgrün (2007)

Ein Ermittler, der als Kind aus einem Wald zurückkam, in dem zwei Freunde verschwanden, untersucht Jahrzehnte später einen Mord am selben Ort. French verbindet die Suche nach den Verschwundenen mit der Frage, wie viel von uns selbst wir hinter uns lassen können.

6. Lee Child: Jack Reacher – Größenwahn (1997)

Jack Reacher hat sich selbst zum Verschwundenen gemacht: kein Zuhause, kein Auto, keine Adresse, nur eine Zahnbürste. Der erste Band der Reihe ist vor allem ein Roman über einen Mann, der aus dem System ausgestiegen ist und trotzdem überall Ärger findet. Für Fans des Themas Ausstieg eine unterhaltsame Radikalversion.

7. Fred Vargas: Der vierzehnte Stein (2004)

Kommissar Adamsberg muss nach Kanada fliehen, weil er selbst unter Mordverdacht steht. Der Wechsel von Jäger zu Gejagtem, dazu Vargas‘ eigenwilliger Ton und ein Ermittler, der sich in Québec verläuft, machen das zu einem der besten Bände der Reihe.

8. Jussi Adler-Olsen: Erbarmen (2007)

Eine Politikerin verschwindet spurlos, und fünf Jahre später landet die Akte beim Sonderdezernat Q. Der erste Band der Reihe erzählt parallel, was mit der Verschwundenen tatsächlich passiert. Eher Thriller als Krimi, aber die Grundfrage, was mit denen geschieht, die niemand mehr sucht, bleibt hängen.

9. Alex Michaelides: The Silent Patient (2019)

Eine Frau erschießt ihren Mann und spricht danach nie wieder ein Wort. Ihr Verschwinden ist innerlich: Sie ist da, aber unerreichbar. Ein Psychothriller über die Frage, ob Schweigen eine Form von Flucht sein kann.

10. Simone Buchholz: Blaue Nacht (2016)

Staatsanwältin Chastity Riley in Hamburg, ein Unbekannter im Krankenhaus, der weder Namen noch Herkunft preisgibt. Buchholz schreibt schnell, knapp und mit viel St. Pauli, und die Frage, wer der Mann ist, der niemand sein will, hält den Roman zusammen.

Thriller mit neuer Identität: Was das Genre ausmacht

Ein guter Roman über Verschwinden beantwortet drei Fragen: Wie tut man es, warum tut man es, und was kostet es. Highsmith und Forsyth sind die Meister des Wie. Ani, French und Vargas interessieren sich für das Warum. Flynn, Adler-Olsen und Michaelides zeigen die Kosten. Wer das Thema auf der Leinwand sucht, findet die Filmvariante bei den Gefängnisausbruch-Filmen, und wer sich fragt, wie das Verschwinden aus dem eigenen Leben ohne Krimi aussehen würde, liest die Serien über das Aussteigen.

Bücher über Verschwinden: Übersicht

Buch Autor Jahr Art des Verschwindens Ton
Der talentierte Mr. Ripley Highsmith 1955 Identitätswechsel kühl, elegant
Der Schakal Forsyth 1971 Falsche Pässe präzise, dokumentarisch
Gone Girl Flynn 2012 Geplantes Verschwinden bösartig, schnell
Süden und das Geheimnis der Königin Ani 2000 Freiwilliges Weggehen melancholisch
Grabesgrün French 2007 Verschwundene Kinder atmosphärisch
Größenwahn Child 1997 Leben ohne Adresse direkt, unterhaltsam
Der vierzehnte Stein Vargas 2004 Flucht des Ermittlers verspielt
Erbarmen Adler-Olsen 2007 Entführung düster
The Silent Patient Michaelides 2019 Inneres Verschwinden psychologisch
Blaue Nacht Buchholz 2016 Mann ohne Namen lakonisch

Häufige Fragen

Welcher Krimi über Untertauchen ist der beste für den Einstieg?

Der talentierte Mr. Ripley. Er ist kurz, klassisch und zeigt, warum das Thema seit siebzig Jahren funktioniert.

Gibt es deutsche Krimis über Verschwinden?

Ja, vor allem die Tabor-Süden-Reihe von Friedrich Ani und die Chastity-Riley-Reihe von Simone Buchholz.

Was ist der Unterschied zwischen Krimi und Thriller in dieser Liste?

Im Krimi wird der Verschwundene gesucht, im Thriller ist man beim Verschwinden dabei. Highsmith, Forsyth und Flynn sind Thriller, Ani, French und Vargas Krimis.