Afghanistan gehört zu den Ländern, die im Kopf vieler Reisender einen eigenartigen Platz einnehmen. Kaum jemand war dort, fast jeder hat ein Bild davon, und dieses Bild besteht meist aus Nachrichtenbildern. Dabei liegt das Land an einer der ältesten Handelsrouten der Welt, und die Bauwerke, die dort stehen, sind älter als fast alles, was Europa an Sehenswürdigkeiten zu bieten hat.
Kabul: eine Hauptstadt mit 3.500 Jahren Geschichte
Kabul liegt auf rund 1.800 Metern Höhe in einem Talkessel, umgeben von den Ausläufern des Hindukusch. Die Stadt war Knotenpunkt zwischen Persien, Indien und Zentralasien, und das sieht man den Bauwerken bis heute an.
Der bekannteste Ort ist Bagh-e Babur, der Baburgarten. Der erste Mogulkaiser Babur ließ ihn im 16. Jahrhundert anlegen und wurde dort auch bestattet. Die Anlage ist ein terrassierter Garten mit Wasserläufen, wie ihn die Mogulherrscher später auch in Indien bauten. Nach den Zerstörungen der Bürgerkriegsjahre wurde der Garten ab 2002 unter Beteiligung des Aga Khan Trust for Culture und deutscher Archäologen wieder aufgebaut. Er gilt als der gelungenste Restaurierungsfall des Landes.
Das Nationalmuseum von Afghanistan steht für die andere Seite dieser Geschichte. Seine Sammlung umfasste einst buddhistische Skulpturen aus Gandhara, griechisch-baktrische Funde und den sogenannten Goldschatz von Tillya Tepe. Ein großer Teil wurde in den 1990er Jahren geplündert oder zerstört, anderes konnte versteckt werden und tauchte später wieder auf. Der Satz über dem Eingang, dass eine Nation lebt, solange ihre Kultur lebt, ist bekannter geworden als das Museum selbst.
Die Festung Bala Hissar überragt die Stadt seit rund 1.500 Jahren. Sie war Königssitz, Garnison und Gefängnis, und die Briten sprengten Teile davon im 19. Jahrhundert. Der Darul-Aman-Palast westlich der Stadt wurde in den 1920er Jahren im europäischen Stil gebaut, jahrzehntelang beschossen und ausgebrannt und ab 2016 wieder hergerichtet. Dazu kommen die Moscheen der Stadt: die Pul-e-Khishti-Moschee am Fluss, die größte Kabuls, und der Schrein Shah-Do-Shamshira mit seiner auffällig gelben Fassade.
Die schönsten Orte außerhalb Kabuls
Landschaftlich liegt der Reiz Afghanistans außerhalb der Hauptstadt.
- Band-e Amir in der Provinz Bamiyan ist der erste Nationalpark des Landes. Sechs tiefblaue Seen liegen dort hintereinander, getrennt durch natürliche Barrieren aus Kalksinter, mitten in einer rotbraunen Hochebene auf fast 3.000 Metern. Die Farbe wirkt auf Fotos manipuliert und ist es nicht.
- Bamiyan selbst ist vor allem als der Ort bekannt, an dem die beiden monumentalen Buddha-Statuen standen, bis die Taliban sie im März 2001 sprengten. Geblieben sind die leeren Nischen in der Felswand, 38 und 55 Meter hoch, und ein Höhlensystem mit Wandmalereien. Das Tal steht auf der Welterbeliste der UNESCO, zugleich auf der Liste des gefährdeten Erbes.
- Das Minarett von Jam steht in einer abgelegenen Schlucht der Provinz Ghor: 65 Meter hoch, aus dem 12. Jahrhundert, über und über mit Ziegelornamenten und Koranversen überzogen. Es war das erste Welterbe Afghanistans und ist vom Einsturz bedroht.
- Das Panjshir-Tal nördlich von Kabul, grün und von steilen Bergflanken gerahmt, ist in Afghanistan vor allem als Tal bekannt, das nie dauerhaft erobert wurde.
- Herat im Westen, nahe der iranischen Grenze, besitzt mit der Freitagsmoschee und den Minaretten des Musalla-Komplexes die persisch geprägtesten Bauwerke des Landes.
Warum Afghanistan derzeit kein Reiseziel ist
Es gibt Länder, bei denen zwischen Reisewarnung und Wirklichkeit ein Spielraum liegt. Afghanistan gehört nicht dazu. Seit 2021 herrschen die Taliban, die Sicherheitslage ist instabil, Anschläge treffen regelmäßig auch zivile Ziele, und es existiert keine deutsche Vertretung, die im Notfall helfen könnte. Für Frauen gelten weitreichende Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, ein Reisen ohne männliche Begleitung ist praktisch ausgeschlossen. Wer trotzdem einreist, tut das ohne Versicherungsschutz und ohne Rückweg im Krisenfall.
Es gibt inzwischen Anbieter, die geführte Touren nach Kabul und Bamiyan verkaufen, und es gibt Reisende, die darüber berichten. Das ändert nichts an der Lage, sondern zeigt nur, dass Einreise und Sicherheit zwei verschiedene Dinge sind. Wir empfehlen diese Reisen nicht.
Wenn es die Region ist, die reizt
Was viele an Afghanistan anzieht, ist selten das Land selbst, sondern eine Vorstellung: hohe Berge, alte Seidenstraßenstädte, wenig Tourismus. Diese Vorstellung lässt sich erfüllen, ohne das Risiko einzugehen.
Usbekistan hat mit Samarkand, Buchara und Chiwa die berühmtesten Seidenstraßenstädte überhaupt, eine gute Infrastruktur und ein einfaches Visum. Kirgistan und Tadschikistan bieten das Hochgebirge, der Pamir Highway führt bis an die afghanische Grenze, und man schaut von dort über den Fluss auf afghanische Dörfer. Nordpakistan mit Hunza und dem Karakorum Highway liegt landschaftlich auf demselben Niveau. Wer die Kunst sucht, findet die Gandhara-Sammlungen und mogulische Gartenanlagen auch in Nordindien und Pakistan.
Das ist kein Ersatz und soll auch keiner sein. Aber es ist der Weg, auf dem man diese Weltgegend heute tatsächlich bereisen kann. Wer sich für Alleinreisen in solchen Regionen interessiert, findet in unserer Rubrik Abenteuer & Alleinreisen weitere Texte dazu, etwa zum Alleinwandern als Frau.
Häufige Fragen
Kann man als Tourist nach Afghanistan reisen?
Technisch werden Visa ausgestellt, und einzelne Veranstalter bieten Touren an. Das Auswärtige Amt warnt jedoch vor Reisen und fordert zur Ausreise auf. Konsularische Hilfe gibt es nicht.
Was ist die bekannteste Sehenswürdigkeit Afghanistans?
International am bekanntesten sind die leeren Buddha-Nischen von Bamiyan und die Seen von Band-e Amir, innerhalb Kabuls der Baburgarten.
Stehen die Buddha-Statuen von Bamiyan noch?
Nein. Sie wurden im März 2001 gesprengt. Erhalten sind die Nischen, Teile der Fassung und die bemalten Höhlen ringsum.


